Nektartracht – Kooperation oder Manipulation?
Einleitung: Was bedeutet Nektartracht für Imkerei und Bienen?
Die Nektartracht bildet das Zentrum des Imkerjahres. Währenddessen sammeln Bienen große Mengen Blütennektar, den sie zu Honig veredeln. Um den Eintrag optimal zu nutzen, ist es wichtig, rechtzeitig Honigräume hinzuzufügen und Platz für die Speicher zu schaffen. Dieses traditionelle Vorgehen wurde schon vom bekannten Bienenforscher Dadant empfohlen: "Halte Bienen für die Tracht, nicht nur von der Tracht."
Ist die Prognose der Tracht Bieneninstinkt oder menschliche Planung?
In Fachkreisen wird diskutiert, ob Bienen wirklich den Beginn der Nektartracht instinktiv vorausahnen können. Beobachtungen an wilden Bienenvölkern zeigen, dass ohne Eingriffe des Imkers die Völker erst während der Tracht beginnen, Bruträume auszubauen. In naturnaher Betriebsweise, etwa bei Warré-Beuten, werden Honigräume oft erst dann aufgesetzt, wenn die Bienen durch ihr Verhalten klar darauf hinweisen – also nicht präventiv.
Wie erkennen Bienen den Beginn einer Tracht?
Verhaltensforschung (u. a. von Tom Seeley, 1989) hat gezeigt, dass Bienen die Situation im Stock anhand der Wartezeiten beim Nektarabgeben an Stockbienen bewerten. Bilden sich im Bienenstock Schlangen von Flugbienen, wird die Sammelaktivität angepasst und der Trachteintrag verlangsamt sich.
Neue Untersuchungen (Frank Linton, 2020), die Temperaturdaten im Bienenstock messen, belegen, dass Bienen auf Schwankungen der Temperatur sensibel reagieren. Dieses Verhalten beeinflusst nicht nur die Tracht-Intensität, sondern auch das Schwärmen und die Vermehrung.
Wie beeinflusst die Trachtdauer die Volksstärke?
Die Dauer der Nektartracht spielt eine große Rolle für das Erntergebnis der Völker. Studien von C. L. Farrar (1937) zeigten, dass Trachten von 10 bis 40 Tagen insbesondere den starken Völkern zugutekommen. Bei ausgedehnten Trachten von 60 bis 90 Tagen schwindet dieser Unterschied. Daher zählt die exakte Kenntnis über Standort und Trachtdauer auch heute zu den Grundpfeilern der erfolgreichen Imkerei.
Modernere Studien von Margaret Couvillon (2014) weisen zudem nach, dass die Entfernungen, die Bienen für die Futtersuche zurücklegen, sich je nach Monat und Art der Tracht stark unterscheiden.
Ist Nektar immer von Vorteil – oder ist auch Pflanzenmanipulation im Spiel?
Früher ging man davon aus, Pflanzen würden Nektar hauptsächlich als Stoffwechsel-Nebenprodukt erzeugen. Heute weiß man, dass dieses Bild zu einfach ist: Pflanzen produzieren auch minderwertigen, wenig nahrhaften oder gar „taktisch eingesetzten“ Nektar.
Laut Forschung von Andreas Arenas und Matra Kohlmaier (2019) passen Honigbienen ihr Sammelverhalten je nach Nektarqualität an: Hochwertiger Nektar wird bevorzugt gesammelt, bei schlechtem Nektar konzentrieren sich die Sammlerinnen mehr auf Polleneintrag.
Alternative Bestäubungsstrategien der Pflanzen
Im Laufe der Evolution haben Pflanzen eine Vielzahl weiterer Mechanismen zur Bestäubung entwickelt. Manche Arten verlassen sich auf Windbestäubung (Anemophilie), andere auf Wasser oder verschiedene Tiere. Dieses breite Repertoire zeigt die Anpassungsfähigkeit der Pflanzen an die Umweltbedingungen.
Kooperation oder Manipulation?
Das Wechselspiel zwischen Bienen und Trachtpflanzen ist ein komplexer, sich ständig wandelnder Anpassungsprozess. Pflanzen nutzen Bienen zur Pollenausbreitung, aber nicht immer passen die Interessen beider Seiten perfekt zueinander. So kann minderwertiger oder sogar toxischer Nektar Formen pflanzlicher Manipulation darstellen, wohingegen hochwertiger Nektar typisch für eine beiderseitig vorteilhafte Kooperation ist.
Für den Imker bleibt es daher essenziell, das Verhalten der Völker zu beobachten und sich kontinuierlich fortzubilden, um sowohl kurze als auch ausgedehnte Trachten optimal auszunutzen.
Die Beziehung zwischen Pflanzen und Insekten als Mutualismus-Beispiel
Klassisch wird die Partnerschaft zwischen Blütenpflanzen und Bestäubern als Symbiose betrachtet: Nektar – ein süßes, wässriges Sekret – ist quasi eine “Belohnung” für Bestäubungsleistungen. Im Gegenzug sichert sich die Pflanze die effiziente Pollenübertragung, die sie allein nicht leisten könnte.
Dieses Modell spiegelt den Gedanken ökologischer Gleichgewichte wider: Organismen hängen voneinander ab und leben in harmonischer Koexistenz. Nektar ist hierfür ideal – nährstoffreich, leicht verfügbar und ein Lockstoff für verschiedenste Tiere, von Bienen bis zu Schmetterlingen und Kolibris.
Manipulation statt Kooperation? Ein neuer Ansatz
Ein bahnbrechender Artikel im Frontiers in Plant Science (Juli 2018) von Massimo Nepi und Kollegen bricht mit dem alten Bild der reinen “Belohnung”. Die Interpretation rückt Nektar als strategisches Werkzeug der Pflanze ins Zentrum – ein Mittel zur gezielten Beeinflussung der Bestäuber.
Warum betreiben Pflanzen Manipulation?
Die Herstellung von Nektar verlangt der Pflanze einen erheblichen Energieaufwand ab. Es ist daher keine zufällige “Ausscheidung”, sondern eine bewusste Investition in die Beziehung zum Bestäuber. Verbleibt unbesuchter Nektar im Blütenkelch, wird er oftmals resorbiert und wiederverwertet. Durch gezielte Beeinflussung versucht die Pflanze, die genetische Vielfalt zu erhöhen und Selbstbestäubung zu vermeiden.
Pflanzenstrategien: Nektarqualität, -menge und Timing
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Variierende Nektarmenge: Pflanzen setzen oft Blüten mit wenig oder gar keinem Nektar an, um Bestäuber zum Besuch vieler Blüten zu bewegen und so die Bestäubungschancen zu erhöhen.
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Gezieltes Timing der Nektarproduktion: Manche Arten produzieren Nektar nur zu bestimmten Tageszeiten, um das Aktivitätsmuster der Bestäuber zu lenken.
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Nektarzusammensetzung: Pflanzen können spezielle Inhaltsstoffe in den Nektar einbringen, welche die Physiologie und das Verhalten der Insekten gezielt beeinflussen.
Wie beeinflussen Pflanzenstoffe die Bestäuber?
Nektar besteht nicht nur aus Zuckern, sondern kann Aminosäuren und weitere bioaktive Substanzen enthalten. Einige davon wirken erheblich auf Verhalten und Stoffwechsel der Bestäuber:
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Prolin: Diese Aminosäure fördert Eiablage und Gelée royale-Produktion bei Bienen und unterstützt die Flugmuskeln als Energieträger.
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Nikotin und Koffein: Substanzen, die entweder abschrecken oder anlocken können. Nikotin hält Bestäuber von überlangen Einzelblütenbesuchen ab und senkt so das Risiko von Selbstbestäubung. Koffein erhöht die Wiederkehrwahrscheinlichkeit zu bestimmten Blüten.
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Psychoaktive Stoffe: Einige Pflanzen nutzen solche Stoffe zur Beeinflussung der Insektennervensysteme und sichern sich damit Beständigkeit und Konkurrenzvorteile gegenüber anderen Blüten.
Betrug bei der Bestäubung – Vor- oder Nachteil?
Auch Bestäuber handeln nicht immer “fair”: Zum Beispiel schneiden Hummeln und Holzbienen Löcher in Blüten, ohne die Pflanze zu bestäuben. Paradoxerweise kann selbst dieses Verhalten den Bestäubungsprozess fördern, weil es die Zirkulation der Bestäuber zwischen den Blüten erhöht und dabei zur genetischen Durchmischung beiträgt.
Komplexe und dynamische Beziehungen im Ökosystem
Auch wenn die Beziehung zwischen Blütenpflanzen und Bestäubern gerne als harmonische Symbiose dargestellt wird, erkennen Ökologen inzwischen auch Elemente von Manipulation und Konflikt. Diese Erkenntnisse eröffnen neue Perspektiven auf die Koevolution im Pflanzen-Insekten-Reich – ein faszinierender, vielschichtiger und dynamischer Prozess beiderseitiger Anpassung.
Aus dem Fachbereich der Bienenkunde: Übersetzung von Ing. Milan Daníček






































































































































































































